Das Streben nach Perfektion - Buh oder Juhu?

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Das Streben nach dem Besten oder auch der sogenannte "Perfektionismus" ist für die einen eine Qual und für die anderen ein wichtiger Antreiber. Dieser Blogbeitrag ist ein kleiner Gedankenausflug über positive und negative Seiten des Perfektionismus, darüber was dahinter steckt und welche Strategien und Handlungsoptionen Ihnen zur Verfügung stehen.


"Ich bin kein Perfektionist!"

Mit dieser Aussage wehren sich manche Teilnehmer, wenn ihnen diese Rolle bei einem meiner Teamtrainings von ihren Kollegen zugeschrieben wird. Eine Reaktion die mir durch und durch verständlich erscheint, denn wenn ich mit Gruppen mit dem BELBIN-Rollenmodell*) arbeite und die Teilnehmer nach ihrer Beschreibung eines „Perfektionsisten“ frage, fällt diese in den meisten fällen äußerst negativ aus. Ein Perfektionist wird als: pingelig, pedant, qualvoll, mühsam oder übergenau empfunden. Assoziationen wie gewissenhaft, Qualitätsbewusstsein, genau oder zuverlässig kommen meist erst im zweiten Anlauf. Dazu muss ich als Trainer aber schon ein wenig nachhaken und explizit dazu einladen an mögliche positiven Aspekte dieser Rolle zu denken. 

*) Das Rollenmodell nach BELBIN beschreibt neun Rollentypen, die in einem Team vorhanden sein sollten. Diese Rollen werden einer von drei Subgruppen zugeordnet: Handlungs-, Sach- und Kommunikationsorientierung. Das Modell basiert auf den Studien von dem englischen Soziologen und seinem Team Meredith Belbin.

 

Irgendwie paradox

Dieses negative Bild des Perfektionisten erscheint mir gleichzeitig auch ziemlich paradox, wenn man es mit einem breiteren Blick betrachtet. Irgendwie fordert doch unsere Gesellschaft ein hohes Maß an Perfektion. Man will doch das beste Produkt, Service, die beste Arbeit, den besten Beitrag etc. zu bester Qualität und bestem Preis, oder? Die allgemeine Fehlertoleranz ist in unseren Breiten eher gering. Die Ergebnisse müssen stimmen. Menschen müssen funktionieren.

Für viele ist das eine Qual. Immer mehr Menschen, vor allem Arbeiter und Angestellte leiden an erhöhtem Druck, Anforderungen und den Ansprüchen, die an sie gestellt werden oder sie sich auch selbst auferlegen. Nur jemand der beste Arbeit abliefert, jemand der weiß, was er will und was er bietet, wird als „gut empfunden“. Jemand, der Fehler macht, wird abgemahnt. Jemand, der zu unsicher erscheint, ist out. Kurios, denn zugleich wissen wir, dass Fehler natürlich und wichtig sind. Wir können aus Fehlern lernen.

Könnte es sein, dass uns da allgemein ein wenig Akzeptanz und Toleranz fehlt? Vor allem uns selbst gegenüber? Nun ja, ich möchte nicht zu allgemein werden und eine weitere zentrale Frage anschließen: Wie viel Perfektionismus ist gut für uns?

 

Normal oder neurotisch

In der psychologischen Literatur wird in diesem Bereich unter anderem der funktionale vom dysfunktionalen Perfektionismus unterschieden. Man differenziert also die Art von Streben, die nützlich und gut ist und die, die uns schadet oder hindert. Nun gut, hilft Ihnen das jetzt zu wissen, wo da die Grenze ist? Wann etwas „zu perfektionistisch“ ist? Wahrscheinlich nicht.

Um es nun auf den Punkt zu bringen und auch ein klares Statement mit Ihnen zu teilen: Das wesentlichste aller Kriterien meiner Einschätzung nach liegt darin wie der Perfektionismus das Leben - sprich unseren Alltag und unsere Handlungsfähigkeit - beeinflusst ...und dass kann schließlich jeder am besten für sich selbst beurteilen.

 

Wie gehen Sie damit um?

Ein paar Fragen, die Ihnen dabei helfen können sich selbst einzuschätzen: 

  • ·       Wie erleben Sie Perfektionismus in Ihrem Alltag und was tut er mit Ihnen?
  • ·       Wie sehr fördert Ihr Perfektionismus z.B. in Form von Qualitäts- und Leistungsanspruch Ihr Handeln und Ihre Handlungsfähigkeit?
  • ·       Wo wird Ihnen dieser Anspruch zum Verhängnis?
  • ·       Wie befriedigend ist das für Sie oder Ihr Umfeld?
  • ·       Wie würden Sie gerne mit Fehlern, mangelnder Qualität oder Leistung umgehen?

 

Was steckt hinter dem Streben nach 100%?

Auch hierzu gibt es Unmengen an Erklärungen und Theorien, die sicher alle ihre Relevanz oder Richtigkeit haben. Leider schaffe ich es nicht hier alles zusammenzufassen, dazu bin ich nicht perfektionistisch genug ;-). Allerdings will ich meine Einschätzung teilen, dass hinter Perfektionsanspruch in den meisten Fällen auch ein gewisses Maß an Angst steckt. Die Angst seinen eigenen -, den gesellschaftlichen - oder den Anforderungen des Umfelds nicht zu entsprechen.

Die Angst bewirkt in uns psycho-physiologisch bekanntlich entweder Starre, Flucht oder Angriff. Im Falle der Perfektion führt dies schnell zu zwanghaftem Verhalten, Übertreibung oder Realitätsverlust. Die Gefahr die folgt ist Entfremdung und häufige negative Reaktionen des Umfelds. Schnell gerät man in eine Negativ-Spirale, aus der man auch nicht so leicht wieder herauskommt.

 

Bleiben Sie am Steuer!

Bitte achten Sie deswegen bei jeglichem Streben nach „dem Besten“ vor allem darauf, dass SIE in der steuernden Rolle bleiben und nicht umgekehrt. Erkennen Sie die Qualitäten in Ihrem Bestreben und verlieren Sie niemals den Glauben an Ihre Wertigkeit. Zweifel und Ablehnung sind die größten Fehler, die man in diesem Zusammenhang machen kann, denn diese Fördern vor allem die negativen Seiten des Perfektionismus. Fokussieren Sie sich doch einfach auf den produktiven Beitrag, den Sie zu leisten vermögen und nutzen Sie Ihr Bestreben als Entwicklungsressource in dem Sie auch diese würdigen.

 

Acht Strategien im Umgang mit Perfektionismus

Abschließend habe ich ein paar Strategien zusammengetragen, wie Sie den Perfektionismus zu einer Ressource machen können:

1. Kritik annehmen
Kritik ist das Beste, was Ihnen passieren kann, denn es ist Feedback. Es ist sehr wertvoll zu wissen, was Sie bei anderen auslösen. Nehmen Sie eine positive Haltung zu Kritik ein und lernen Sie aus dem was Ihnen zurückgemeldet wird! 

2. Dinge von mehreren Seiten und im großen Ganzen betrachten
Es ist sehr verlockend im Detail zu verweilen, doch Lösungen lassen sich meist nur dann finden wenn man die Perspektive wechselt und den Überblick behält. 

3. Reality check
Die Selbsteinschätzung sollte regelmäßig mit der Fremdwahrnehmung abgeglichen werden. Die Kunst besteht darin auf sein Umfeld zu achten ohne sich selbst zu verlieren.

4. Sich selbst mögen
Seien Sie auch mindestens so nett zu sich selbst wie sie auch kritisch zu sich selbst sind! Sie haben es sich verdient, auch wenn Sie nicht perfekt sind! Ein gesundes Maß an Selbstkritik ist wertlos, wenn Sie nicht auch ein wenig nett zu sich sind.

5. „Alles ist gut!“
Wenn Sie in Panik geraten, sagen Sie sich das wie ein Mantra vor! Vertrauen Sie auf sich und darauf, dass die Dinge die passieren, gut sind.

6. Wozu vergleichen?
Es wird immer welche geben, die es besser, schönen, genauer etc. machen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Leistung und nicht auf die der anderen!

7. Fehler sind wichtige Hinweise
Haben Sie Mut Fehler zu machen, denn daraus können Sie wichtige Dinge lernen. Geben Sie sich einen Fehlerrahmen mit dem Sie zufrieden sein können! Wenn Sie den Mut haben Fehler zu machen und vielleicht auch falsche Entscheidungen treffen, bleiben Sie aktiv und entwickeln sich weiter.

8. Anspruch in Zielen formulieren
Wenn Sie sich ein realistisches Ziel setzen, achten Sie darauf, dass Sie dieses auch erreichen können. Meistens ist Misserfolg in einer unpassenden Zielsetzung im Vorfeld begründet.

 


Ein Thema für Sie?

Wenn „Perfektionismus“ ein Thema ist, das Sie beschäftigt oder bei Ihnen Unwohlsein oder Unbehagen auslöst bzw. Ihr Umfeld Sie immer wieder damit konfrontiert, dann lohnt es sich sicherlich hier etwas genauer hinzusehen. Ein guter Coach oder Therapeut unterstützt Sie dabei sicher gerne!